Die Suche nach der richtigen Methode vs. worum es wirklich geht
Wer sich mit professionellem Coaching beschäftigt, begegnet einer zentralen Frage: Welche Rolle spielen Methoden im Coaching?
Viele angehende Coaches sind auf der Suche nach der „richtigen“ Methode. Manche hoffen auf ein bestimmtes Modell, das ihnen Sicherheit gibt. Andere sammeln Tools, Interventionen und Techniken, in der Annahme, dass gute Coaching-Arbeit vor allem von einem gut gefüllten Methodenkoffer abhängt.
Nach über 30 Jahren Erfahrung in der Begleitung von Menschen und nach mehr als zehn Jahren Coaching-Ausbildungspraxis kann ich sagen: Methoden sind berechtigte Werkzeuge. Aber sie sind nicht der Kern von professionellem Coaching.
Im Mittelpunkt von Coaching steht der Mensch – und der Prozess, in dem Entwicklung möglich wird. Methoden unterstützen diesen Prozess. Sie ersetzen ihn nicht.
Dieser Artikel ordnet das Thema Methodenkompetenz im Coaching fachlich ein, zeigt den Stellenwert von Methoden im professionellen Coaching auf und erklärt, warum sowohl die ICF als auch CERTYCOACH® bewusst methodenübergreifend ausbilden.
Methodenkompetenz als Coach – eine häufige Fehlannahme
Wenn Menschen beginnen, sich mit Coaching auseinanderzusetzen, entsteht oft ein Bild: Coaching wird mit bestimmten Fragetechniken, Modellen oder Interventionen gleichgesetzt.
Diese Sichtweise ist verständlich. Methoden sind sichtbar, benennbar und vermittelbar. Doch genau hier liegt eine der größten Herausforderungen im Coaching-Markt: Methodenkompetenz wird häufig überschätzt und gleichzeitig missverstanden.
Methodenkompetenz im Coaching bedeutet nicht, möglichst viele Tools anwenden zu können. Methodenkompetenz bedeutet, Methoden situativ, bewusst und passend zum Gegenüber in einen Entwicklungsprozess einzubetten. Und dabei ist eine ganz andere Kompetenz gefragt, nämlich die Fähigkeit, den Coaching-Prozess zu führen.
Oder anders gesagt: Der Prozess ist die Basis. Methoden sind Unterstützer.
Coaching ist Prozessarbeit – keine Methodenanwendung
Professionelles Coaching ist Prozessarbeit. Was bedeutet das? Ein Coach arbeitet nicht am Inhalt des Problems, sondern am Prozess, in dem der Klient seine eigenen Lösungen entwickeln kann. Der Coach schafft den Raum, beobachtet, fokussiert die Aufmerksamkeit, hinterfragt und unterstützt den Klienten dabei, Zugang zu seinen eigenen Ressourcen zu finden.
Methoden können diesen Prozess unterstützen, zum Beispiel indem sie:
- Struktur geben
- Wahrnehmung erweitern
- Perspektivwechsel ermöglichen
- Reflexion vertiefen
- Bekannte Muster durchbrechen
Doch sie sind immer Mittel zum Zweck, niemals Selbstzweck. Methodenkompetenz im Coaching zeigt sich darin, dass der Coach weiß, wann eine Methode hilfreich sein kann – und wann sie ihren Zweck verfehlt.
Methodenkompetenz im Coaching im Verständnis der ICF
Die International Coaching Federation (ICF) ist der weltweit größte Coaching-Verband und setzt sich für professionelles Coaching nach transparenten Richtlinien ein. Ein Blick auf die ICF-Kernkompetenzen ist aufschlussreich, denn: In den 8 Kernkompetenzen der ICF findet sich keine einzige konkrete Methode.
Stattdessen stehen dort Kompetenzen wie:
- Coaching-Haltung und Ethik
- Aufbau von Vertrauen und Sicherheit
- Präsenz und aktives Zuhören
- Förderung von Bewusstheit
- Unterstützung der Entwicklung des Klienten
Diese Kompetenzen sind bewusst methodenübergreifend formuliert. Die ICF macht damit deutlich: Professionelles Coaching definiert sich nicht über Tools, sondern über die Fähigkeit, Menschen in Entwicklungsprozessen wirksam zu begleiten.
Methodenkompetenz im Sinne der ICF bedeutet daher:
- Methoden dienen der Förderung von Bewusstsein
- Methoden sind eingebettet in Beziehung und Präsenz
- Methoden folgen dem Prozess, nicht umgekehrt
Dieses Verständnis prägt auch die Ausrichtung bei CERTYCOACH® und wird seit 2013 in unseren Coaching-Ausbildungen erfolgreich gelehrt.
Methodenkompetenz bei CERTYCOACH®: Der Mensch im Mittelpunkt
Bei CERTYCOACH® bilden wir Coaches bewusst methodenübergreifend aus. Nicht, weil Methoden schlecht wären, sondern weil nach unserem Verständnis das Gegenüber nicht in eine einzelne Methode gepresst werden sollte. Wie oben erwähnt, ist ein Coach ein Meister des Prozesses. Nicht die Genialität einer Methode sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch, der uns als Coach gegenübersteht.
In unseren Ausbildungen geht es nicht um die Frage: Welche Methode nehme ich bei Thema X? Sondern: Was braucht dieser Mensch im Hier und Jetzt, um einen nächsten Schritt zu gehen?
Diese Verschiebung ist ein entscheidender Entwicklungsschritt in der Coach-Werdung. Methodenkompetenz bedeutet bei CERTYCOACH®:
- unterschiedliche Methoden zu kennen, ohne sich an sie zu klammern
- Interventionen bewusst und im Sinne des Gegenübers einzusetzen
- den eigenen Zustand, die Beziehung und den Prozess höher zu gewichten als jedes Tool
- flexibel und kontextsensibel zu arbeiten
Im professionellen Coaching geht es also nicht darum, möglichst viele verschiedene Methoden zu sammeln, sondern den Prozess gestalten zu können
Wo Methoden den Coaching-Prozess sinnvoll unterstützen
Gleichzeitig haben Methoden ihren Wert. Richtig eingesetzt können sie den Coaching-Prozess erheblich unterstützen. Einige Beispiele, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
Strukturierende Methoden
Modelle zur Zielklärung, Entscheidungsfindung oder Prozessstruktur helfen Klienten, Orientierung zu gewinnen. Sie schaffen Klarheit, wo zuvor diffuse Gedanken oder Überforderung waren.
Reflexive Methoden
Frageformate, Perspektivwechsel oder symbolische Arbeit können neue Einsichten ermöglichen und festgefahrene Denkweisen aufweichen.
Körper- und Wahrnehmungsorientierte Interventionen
Methoden, die Körperwahrnehmung oder emotionale Zustände einbeziehen, können helfen, unbewusste Signale zugänglich zu machen – insbesondere bei Stress, inneren Konflikten oder Entscheidungsdilemmata.
Visualisierende Methoden
Die Arbeit mit Bildern, Metaphern oder Aufstellungen kann komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und neue Bedeutungsräume eröffnen.
All diese Methoden können sehr wirksam sein, wenn sie dem Prozess dienen
Die Gefahr der Methodenfixierung
Eine zu starke Methodenorientierung oder Fokussierung auf eine einzelne Methode kann jedoch auch zur Falle werden. Wenn Coaches beginnen:
- Methoden einzusetzen, um eigene Unsicherheit im Prozess zu überdecken,
- Prozesse zu beschleunigen, obwohl der Klient noch nicht so weit ist,
- Interventionen anzuwenden, weil sie „passen müssten“ ohne aber den Klienten dabei einzubeziehen,
dann steht nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, sondern die Methode. Und genau das spüren Klienten sehr schnell. Professionelle Methodenkompetenz im Coaching zeigt sich oft darin, zuzuhören, präsent zu bleiben und dem Prozess zu vertrauen.
Warum Coaching-Methoden kein Allheilmittel sind
Coaching-Methoden versprechen manchmal mehr, als sie halten können. Gerade in Marketing-Slogans wird oft der Eindruck erweckt, dass bestimmte Methoden schnelle Transformation und Erfolg ermöglichen.
Veränderung ist jedoch ein Prozess, der von jedem Menschen unterschiedlich wahrgenommen wird. Sie braucht Zeit, Sicherheit und Beziehung. Methoden können diesen Prozess begleiten, aber sie können ihn nicht ersetzen, beschleunigen oder erzwingen.
Entwicklung verläuft selten linear. Methodenkompetenz im Coaching bedeutet daher auch, mit Nicht-Wissen und Pausen umgehen zu können.
Ein Coach, der Methoden technisch beherrscht, aber keine Beziehung zu seinem Gegenüber aufbauen kann, wird schnell an in seiner Arbeit Grenzen stoßen. Umgekehrt kann ein Coach durch einen guten Zustand und sauberer Prozessführung auch mit wenigen Methoden sehr wirksam arbeiten.
Methodenkompetenz als Coach entwickeln: Wie Lernen wirklich stattfindet
Methodenkompetenz entsteht nicht durch das Lesen von Büchern. Sie entsteht durch:
- praktische Anwendung
- Beobachtung
- Feedback
- Reflexion
In einer professionellen Coaching-Ausbildung lernen Teilnehmende verschiedene Methoden kennen und erleben, wie sie im realen Prozess wirken und wo ihre Grenzen liegen. Sie lernen, sich nicht an Interventionen zu klammern, sondern den Prozess sauber zu führen. Das schafft Sicherheit und Souveränität und lässt den Coach unabhängig von Methoden arbeiten.
Fazit: Methodenkompetenz als Coach – Methoden unterstützen, führen aber nicht
Methoden sind ein wertvoller Bestandteil professionellen Coachings. Sie strukturieren, unterstützen und vertiefen Prozesse. Doch sie sind niemals der Kern. Der Kern von Coaching ist:
- die Beziehung
- der Zustand
- die Fähigkeit, Entwicklungsräume zu öffnen
Eine professionelle Methodenkompetenz im Coaching zeigt sich nicht in der Anzahl der beherrschten Tools, sondern in der Fähigkeit, Methoden sinnvoll und unterstützend einzusetzen – oder bewusst darauf zu verzichten.
Sowohl die ICF als auch CERTYCOACH® stehen für ein Coaching-Verständnis, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Methoden unterstützen diesen Weg. Sie bestimmen ihn nicht.