Ein „Ja, genau“ heißt noch nicht, dass Du verstanden hast
Eine Übungssession in Deiner Coaching-Ausbildung. Dein Gegenüber erzählt von einem Konflikt im Team, ausführlich und ein wenig durcheinander. Du hörst genau zu und fasst danach zusammen, sorgfältig und in der richtigen Reihenfolge. „Ja, genau“, sagt Dein Gegenüber. Danach tritt das Gespräch auf der Stelle.
Wir schauen uns an, warum so ein „Ja, genau“ täuschen kann, woran Du merkst, ob Deine Zusammenfassung beim Gegenüber wirklich ankommt, und was Du im nächsten Übungscoaching anders machen kannst.
Eine korrekte Zusammenfassung ist noch kein Verstehen
Die Kernkompetenzen der ICF in der Fassung von 2025 beschreiben aktives Zuhören sinngemäß so: Du konzentrierst Dich auf das, was Dein Gegenüber sagt und was es nicht sagt. Du versuchst, es in seinem eigenen Zusammenhang zu verstehen, und unterstützt es darin, sich selbst auszudrücken.
Dein Gegenüber hat „Ja, genau“ gesagt, und Du hast das als Bestätigung genommen. Das kann auch ein freundliches Durchwinken sein: Dein Gegenüber merkt, dass Du Dir Mühe gegeben hast, und mag Dich nicht verbessern. In einer Übungsrunde, in der alle gerade dasselbe lernen, liegt so viel Rücksicht nicht fern.
Eine Zusammenfassung klingt oft ziemlich rund. Sie ordnet, was eben noch durcheinander war. Das kann sich für Dein Gegenüber angenehm anfühlen, auch wenn es sich darin gar nicht wiederfindet.
Wer alles richtig machen will, hört oft schlechter zu
Stell Dir die Übungssession noch einmal vor und beobachte, was in Deinem Inneren passiert. Dein Gegenüber erzählt, während sich in Deinem Kopf schon die nächste Frage formt. Gleichzeitig kommt Dir unbewusst eine Idee, was es in dem Konflikt ausprobieren könnte, weil Du etwas Ähnliches schon selbst erlebt hast. Neben Dir spürst Du die Anwesenheit Deiner Coaching-Partnerin, die das Coaching beobachtet und gerade etwas notiert.
Die Lösungsidee meldet sich besonders hartnäckig, wenn Du es beruflich gewohnt bist, Antworten zu liefern. Hier zeigt sich, warum Training im professionellen Coaching so wichtig ist: Wenn Du als Coach mit Deiner Aufmerksamkeit schon bei der nächsten Frage oder in der Lösungsfindung bist, bist Du nicht mehr bei Deinem Coachee und seinem Erleben.
Aus der Ausbildungspraxis
Für eine erfahrene Führungskraft war es in der Ausbildung die größte Herausforderung, nicht in die Beraterrolle zu rutschen. Jahrzehntelang war Lösungsdenken gefragt, im Coaching galt es, dieses Wissen erst einmal zurückzustellen.
Dass es im Kopf so voll wird, ist in den ersten Übungsrunden normal. Wer eine neue Rolle lernt, schaut sich selbst dabei zu, und diese Aufmerksamkeit fehlt beim Gegenüber. Mit etwas Übung wird es meist ruhiger, und mehr von Deiner Aufmerksamkeit bleibt bei dem, was gerade gesagt wird.
Ob Du verstanden hast, zeigt Dir Dein Gegenüber
Der Sprachpsychologe Hans Hörmann hat schon 1976 einen schlichten Gedanken beschrieben: Ob etwas verstanden wurde, kann eigentlich nur die Person bestätigen, die gesprochen hat. Sie tut das, indem sie Deine Worte als Wiedergabe ihrer Mitteilung annimmt.
Ob Deine Zusammenfassung in der Übungssession gelungen war, kann Dir nur Dein Gegenüber sagen. Im professionellen Coaching gilt immer der Coachee als Experte für sein eigenes System.
Sagt Dein Gegenüber „Nein, eher so …“, wird es gerade genauer. Es sucht das Wort, das wirklich passt, und dieser Prozess kann bereits eine Erkenntnis auslösen.
Eine Zusammenfassung, die korrigiert wird, kann mehr in Bewegung bringen als eine, die einfach durchgewunken wird.
Dass Deine Zusammenfassung angekommen ist, kann sich auch anders zeigen: Dein Gegenüber erzählt auf einmal Persönlicheres, wird langsamer und sucht nach Worten oder wird lebendiger. Nimm wahr, was bei Deinem Gegenüber passiert und stelle es auch dem Prozess wiederum zur Verfügung. Denn nicht immer sind Deinem Gegenüber alle Gedanken und Gefühle klar. Du als Coach spiegelst, was Du beobachtest.
Im nächsten Coaching: weniger zusammenfassen, mehr Raum lassen für die Erkenntnisse des Gegenübers
Eine Zusammenfassung darf offenlassen, ob sie stimmt und mit einer Frage abschließen: „Ich habe verstanden, dass Dich vor allem das Schweigen im Meeting ärgert. Trifft es das?“
Wenn Dein Gegenüber viel erzählt, ist eine Frage oft nützlicher für den Prozess, als wenn Du versuchst, alles zu erfassen: „Du hast viele Punkte angesprochen: Was ist Dir davon gerade am wichtigsten?“ Somit gibst Du Deinem Gegenüber die Chance, seine Gedanken eigenständig zu sortieren und darüber zu entscheiden, welcher Aspekt in der Sitzung beleuchtet werden soll.
Was Du beobachtest, darfst Du ansprechen und in den Prozess geben: „Mir fällt auf, dass Du bei dem Satz langsamer oder lebendiger geworden bist. Nimmst Du das auch so wahr?“
Nach einer Antwort darf eine Pause ein paar Sekunden dauern, ohne dass Du sie füllst. Oft kommt in dieser Stille noch ein Satz.
Wenn Du im Gespräch merkst, wie Du gedanklich an einer eigenen Lösungsidee arbeitest, bringe Deine Aufmerksamkeit zurück zu Deinem Gegenüber. Lösungsfindung ist nicht Deine Aufgabe als Coach.
In der Coachingpartnerschaft lässt sich das gut üben, weil dort reale Anliegen besprochen werden und die Rollen wechseln. Frag Dein Gegenüber nach der Session, an welcher Stelle es sich verstanden gefühlt hat. Wertet das Coaching gemeinsam mit der beobachtenden Person aus.
Der Blick wandert vom eigenen Satz zum Gegenüber
Zusammenfassen ist im professionellen Coaching ein wichtiges Instrument, um Deinen Coachee zu unterstützen, sich selbst zu ordnen. Es geht darum, den Coachee zu begleiten, eigene Gedanken und Ideen zu entwickeln.
Mit der Zeit wird Dein Blick öfter bei dem landen, was Dein Gegenüber aus Deiner Zusammenfassung macht: ob es zögert, widerspricht oder etwas Neues erzählt. Das „Ja, genau“ aus der Übungssession ist eine gute Stelle, um kurz nachzuhaken: „Was genau daran?“